SolusOS – der neue Stern am Linux-Desktophimmel?

Veröffentlicht: 17. Mai 2012 in Hardware, Linux
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Das bessere Ubuntu?
Debian GNU/Linux samt dessen Paketvielfalt als Basis, das ebenso solide wie funktionable Gnome 2 als Desktop, gute Hardwareerkennung, ein auch für Linuxeinsteiger leichtes Installationsprogramm, aktuelle Software, eine Orientierung auf Multimediafähigkeit und das ganze noch etwas optisch aufpoliert? Dieses Modell hat Ubuntu und seinen Derivaten wie Linux Mint zu einigen Erfolg auf dem Linux-Desktop verholfen. Gleichzeitig hatte (und hat) dieses Modell auch einige Nachteile: weil man um der Aktualität der Software willen einen Snapshot aus Debian unstable genommen und daran herumgepatched hat, wurde sowohl Bugs aus Debian unstable übernommen, als auch teilweise eigene hinzugefügt. Im Vergleich zu Debian wurde das System immer ressourcenhungriger. Und spätestens nach der Veröffentlichung von Gnome 3 samt dessen neuen Bedienkonzept der Gnome Shell war auch die Symbiose mit dieser Desktopumgebung dahin. Ubuntu setzt bekanntlich immer noch auf dessen Applikationen, verwaltet aber den Desktop über Unity; Linux Mint versucht mit dem Gnome Shell-Fork Cinnamon Gnome 2-Feeling und Gnome Shell zusammenzubringen und hat außerdem noch den Gnome 2-Fork Maté in petto, der sich zwecks Erhalt der nicht weiter gepflegten Codebasis neben Gnome 3 mit der Umbenennung sämtlicher Gnome 2-Bestandteile herumplagt. Soweit, so bekannt.

Einen dritten Weg bei ähnlichen Konzept und ähnlicher Zielgruppe geht SolusOS, dessen erste Version Eveline (vorerst nur als 32 Bit-Variante) am 09.05.2012 veröffentlicht wurde. Zunutze gemacht wurde sich dabei, dass in Debian stable derzeit immernoch Gnome 2 verwendet wird. Durch dessen Verwendung als Basis wird zudem ein relativ hohes Maß an Stabilität erreicht, ohne selbst viel patchen zu müssen, so dass die Arbeit auf die Verbesserung seiner Desktoptauglichkeit konzentriert werden konnte. Dies macht sich nicht nur an einigen schicken Themes fest, sondern auch an einem eigenem Kernel der Version 3.0 (ein 3.3er liegt als Alternative in den Repositories bereit), sowie aktuellen Versionen von Firefox, Thunderbird und Libre Office fest, sondern auch an den integrierten Installationshilfen. Da diese Idee spannend klingt, ich weder mit Ubuntu noch mit einem gnomemifizierten Xubuntu 12.04 auf meinem IBM/Lenovo Thinkpad X60 wirklich zufrieden war und ich immer noch auf der Suche nach einer Lösung bin, womit ich das Linux Mint 11 auf meinem Desktop ersetzen soll, wenn dessen Support im Oktober ausläuft, habe ich SolusOS sowohl in einer virtuellen Maschine in Virtualbox, als auch auf meinem Thinkpad installiert. Und ich muss sagen: trotz einiger Ecken und Kanten, die bei einem neuen Projekt ohne viel Manpower dahinter unumgänglich sein dürften, hat es mich überzeugt.

Im Praxistest
Das Installationsprogramm ist das gleiche, welches auch die Debian-Edition von Linux Mint verwendet. Dieses ist zwar nicht ganz so durchgestyled wie das von Ubuntu und dessen Derivaten verwendete Ubiquity, aber schaufelt das System ebenso mit ein paar Mausklicks auf die Festplatte. Bedauerlich ist, dass ihm nach wie vor eine Verschlüsselungsoption fehlt; etwas frickelig ist vielleicht, dass für die Partitionierung auf das externe Programm GParted zurückgegriffen werden muss, aber daran sollte die Installation nicht scheitern. Beim ersten Start nach der Installation wird man von einem Konfigurationsprogramm begrüßt, welches zumindest nach zusätzlichen Grafiktreibern für die verwendete Hardware sucht. Drucker, Surfsticks und dergleichen werden dabei hingegen ausgespart. Das WLAN-Modul meines Thinkpads wurde übrigens im Gegensatz zu Debian 6, bei dem man dessen Treiber aus Gründen der ausschließlichen Verwendung freier Software aus dem Kernel herausgepatched hat, schon bei der Installation erkannt, so dass man sich in Sachen Hardwareerkennung irgendwo zwischen Debians Purismus und Ubuntus Komfort bewegt.

Assistent zur Installation zusätzlicher Grafiktreiber

Dass primär Umsteiger von Microsoft Windows angesprochen werden sollen, macht sich nicht nur an der Softwareauswahl, welche WINE samt dessen Aufsatz PlayOnLinux enthält, sondern auch an der Gestaltung des Desktops mit Symbolen als Starter, mit nur einer Taskleiste am unteren Bildschirmrand und dem Cardapio-Menü, welches bspw. die Suche nach Anwendungen ermöglicht und mit der [Super]-Taste gestartet wird, bemerkbar. Das hätte ich nun nicht gebraucht, aber da sich WINE und PlayOnLinux problemlos deinstallieren lassen und der Desktop in Gnome 2 noch konfigurierbar war, fand ich es auch nicht weiter tragisch.

Look and Feel erinnern irgendwie an MS Windows

Äußerst erfreulich ist hingegen der trotz der Anpassungen an Microsoft Windows geringe Ressourcenverbrauch. So kommt ein frisch installiertes SolusOS, bei dem zusätzlich lediglich der Systemmonitor Conky gestartet wurde, mit nur 121 MiB RAM aus. Für richtig alte Hardware ist es dennoch nicht geeignet, da der verwendete Kernel einen Prozessor mit PAE (Physical Adress Extension) voraussetzt – was andererseits selbst auf meinem ebenfalls nicht brandneuen Thinkpad X60 überhaupt kein Problem darstellte.

SolusOS Eveline kommt mit erfreulich wenig RAM aus

Im Betrieb entpuppt sich SolusOS als angenehm stabil, was freilich dadurch erkauft wird, dass von den erwähnten Ausnahmen abgesehen die aus den Paketquellen installierbare Software nicht auf dem neuesten Stand ist. Die Codecs zum Abspielen von mp3s und DVDs sind bereits in der Grundinstallation enthalten, Adobes Flashplayer ebenso. Bei dessen Einpassung in das Betriebssystem hat sich allerdings ein Bug eingeschlichen, der diesen häufig abstürzen lässt, wogegen der SolusOS-Entwickler Ikey Doherty bei Google+ empfiehlt, die Datei /etc/adobe/mms.cfg zu löschen (sudo rm /etc/adobe/mms.cfg); bevor ich diesen Tipp erhielt, hatte ich mit dem Ersetzen des angepassten Flashplugins durch das übliche aus dem Multimedia-Repository (sudo apt-get remove –purge flash-plugin-solus && apt-get install flashplugin-nonfree) den gewünschten Erfolg.

Ein Blick in die Zukunft
Während SolusOS derzeit also noch eine durchaus gelungene Wallpaper-Distribution darstellt, die man sich so ähnlich mit dem entsprechenden Aufwand auch selbst aus Debian plus einigen zusätzlichen Paketquellen zusammenbasteln könnte, werden in einem aktuellen Blogposting nicht nur eine 64 Bit Version angekündigt, sondern auch die Zukunftspläne bekannt gegeben, wenn Debian Wheezy von testing zu stable wird und Debian dann ebenfalls Gnome 3 ausliefert. Diese sehen so aus, dass man dessen Fallback-Modus so anpassen will, dass er exakt Gnome 2 entspricht. Dass es den SolusOS-Entwicklern schon gelungen sein soll, in diesem Metacity als Fenstermanager zu verwenden, stimmt optimistisch, dass dieser Plan aufgehen kann. Dann wären Debians Stabilität und Genügsamkeit beim Ressourcenverbrauch, das Bedienkonzept von Gnome 2 und Gnome-Anwendungen auf einer aktuellen Code-Basis vereint – und SolusOS hätte mich noch mehr begeistert, als das mit seinem vielversprechenden ersten Release bereits der Fall war.

Kommentare
  1. Oscar alias xpenguin sagt:

    SolusOS hätte zum Heiligtum aller (sehr zahlreichen) GNOME-2-Liebhaber werden können. Mittlerweile ist das Projekt aber eingestellt worden. Da können doch nur Tränen geflossen sein, oder?

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